Die umfassende Kenntnis der Kontraindikationen des Microneedlings ist eine ethische und professionelle Verpflichtung für jede Kosmetikerin, die diese Technik durchführt. Eine unzureichende Kundenbeurteilung kann zu schwerwiegenden Komplikationen führen, wie Infektionen, Keloidnarben oder Aktivierung vorbestehender Hauterkrankungen. Dieser Artikel beschreibt systematisch die absoluten und relativen Kontraindikationen sowie die besonderen Vorsichtsmaßnahmen in spezifischen Situationen.

Absolute Kontraindikationen

Absolute Kontraindikationen sind Zustände, bei denen Microneedling vollständig untersagt ist, unabhängig von der Behandlungsintensität oder -tiefe:

Aktive Infektionen im Behandlungsbereich

Schwere aktive entzündliche Akne

Aktive entzündliche Akne (Papeln, Pusteln oder Zysten) im zu behandelnden Bereich ist eine absolute Kontraindikation. Der Dermapen kann das Bakterium Cutibacterium acnes auf nicht betroffene Follikel verbreiten, die Akne verschlimmern und sekundäre Infektionen verursachen. Der periläsionale Bereich kann behandelt werden, wenn die Akne sehr lokalisiert ist, aber aktive Läsionen müssen stets vermieden werden.

Aktive Keloide

Keloide sind gutartige tumorartige Narben, die durch Wachstum von Bindegewebe über die Grenzen der ursprünglichen Läsion hinaus gekennzeichnet sind. Die Mikroverletzung durch den Dermapen kann bei prädisponierten Personen die Bildung neuer Keloide auslösen. Bei Vorgeschichte von Keloidnarben an beliebiger Körperstelle ist Microneedling im betroffenen Bereich kontraindiziert.

Gerinnungsstörungen

Hämophilie, Thrombozytopenie oder jeder Zustand, der die normale Gerinnung verhindert, sind kontraindiziert. Punktförmige Blutungen gehören zum Wirkmechanismus der Technik, und bei antikoagulierten Patienten (Warfarin, Acenocoumarol, neue orale Antikoagulanzien) ist das Risiko unkontrollierter Blutungen erheblich.

Aktive Psoriasis im Behandlungsbereich

Psoriasis kann durch das Köbner-Phänomen ausgelöst werden: das Auftreten psoriatischer Läsionen als Reaktion auf mechanisches Trauma. Microneedling kann neue psoriatische Plaques in zuvor nicht betroffenen Bereichen induzieren.

Kürzliche systemische Isotretinoin-Einnahme (Roaccutane)

Patienten unter oraler Isotretinoin-Therapie oder die die Behandlung in den letzten 6 Monaten abgesetzt haben, zeigen eine atypische Wundheilung mit erhöhtem Risiko hypertropher Narben. Mindestens 6 Monate nach der letzten Isotretinoin-Dosis warten.

Schwangerschaft

In jedem Schwangerschaftstrimester kontraindiziert, aufgrund der Unsicherheit über die Sicherheit der verwendeten kosmetischen Wirkstoffe und des hyperreaktiven Hautzustands während der Schwangerschaft.

Metallimplantate oder Herzschrittmacher im Bereich

Besonders relevant bei RF-Needling. Subkutane Metallimplantate können die Radiofrequenzenergie beeinflussen. Beim reinen Microneedling ohne RF ist das Risiko geringer, aber Vorsicht wird empfohlen.

Relative Kontraindikationen

Topische Retinoide in Anwendung

Topische Retinoide (Tretinoin, Adapalen, Tazaroten) sensibilisieren die Haut und können die Entzündungsreaktion übermäßig verstärken. 5–7 Tage vor der Behandlung absetzen.

Aktive Rosazea

Rosazea mit aktiven Teleangiektasien oder Papeln kann sich durch Microneedling verschlechtern. Wenn die Rosazea kontrolliert ist und der Kunde die Behandlung wünscht, mit minimalen Tiefen beginnen und die Verträglichkeit schrittweise beurteilen.

Sehr reaktive Haut oder aktive atopische Dermatitis

Die beeinträchtigte Hautbarriere bei atopischer Haut reagiert übermäßig auf die Mikroverletzung. In stabilen Remissionsphasen kann die Behandlung mit höchster Vorsicht in Betracht gezogen werden.

Diabetes mellitus

Diabetiker haben eine verminderte Wundheilungskapazität und häufigere Infektionen. Dies ist keine absolute Kontraindikation, aber das Fachpersonal muss die Hygiene maximieren, die Tiefe reduzieren und die Nachbehandlungsintervalle verkürzen.

Kürzliche IPL- oder Laserbehandlungen

Mindestens 4–6 Wochen nach jeder IPL- oder Laserbehandlung im selben Bereich warten, bevor Microneedling durchgeführt wird.

Besondere Vorsichtsmaßnahmen nach Phototyp

Phototypen IV–VI (Fitzpatrick)

Dunklere Phototypen haben ein höheres Risiko für postinflammatorische Hyperpigmentierung (PIH) nach Microneedling. Um dieses Risiko zu minimieren:

Komplikationsmanagement

Komplikationen beim Microneedling sind selten bei korrekter Anwendung, aber das Fachpersonal muss sie erkennen und handeln können: